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Geburtsvorbereitung aus psychologischer Sicht: Warum dein Kopf entscheidet, wie deine Geburt wird

Was du in diesem Artikel lernst

Die meisten Geburtsvorbereitungskurse erklären dir, was im Körper passiert. Atemtechniken, Wehen, Geburtsphasen. Was selten erklärt wird: Wie stark dein Kopf darüber entscheidet, wie du diese Geburt erlebst. Ob du leidest oder im Flow bist. Ob du in Versagensgefühle rutschst oder in tiefe Zufriedenheit, selbst wenn die Geburt ganz anders läuft als geplant.

Genau hier setzt die psychologische Geburtsvorbereitung an. In meiner Podcast-Folge habe ich mit Diplom-Psychologin Steffi Reimer gesprochen, der Begründerin des Birth-and-Balance-Konzepts. Steffi erklärt, warum Schmerz im Gehirn entsteht, was wirklich über eine glückliche Geburt entscheidet, und wie du dich so vorbereitest, dass du auch bei Abweichungen stabil bleibst. Das ist eine ehrliche, fundierte Sicht auf Geburtsvorbereitung, frei vom „du musst nur entspannt sein, dann tut nichts weh“-Mythos.

  • Warum „schmerzfrei gebären“ als Leitbild gefährlich werden kann
  • Wie Schmerz im Gehirn entsteht und warum dein Umfeld mitentscheidet
  • Warum Selbstbestimmung wichtiger ist als Schmerzfreiheit
  • Welche Blockaden eine gute Geburt verhindern und wie du sie löst
  • Wie du dich auf Abweichungen vorbereitest, ohne dir die Geburt zu verleiden

Inhalt

Wie Birth and Balance entstanden ist

Warum „schmerzfrei“ kein gutes Leitbild ist

Wie Schmerz im Gehirn entsteht

Was wirklich über eine glückliche Geburt entscheidet

Die größten Blockaden vor der Geburt

Vorbereitet sein für Abweichungen

Fazit

FAQ

Höre die ganze Podcastfolge

Geburtsvorbereitung aus psychologischer Sicht

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Wie Birth and Balance entstanden ist

Steffi Reimer ist Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Mama von zwei Kindern. Birth and Balance hat sie aus einer sehr persönlichen Geschichte heraus gegründet. Ihre erste Geburt 2011 war traumatisch. So traumatisch, dass sie sieben Jahre lang sicher war, niemals wieder ein Kind zu wollen.

Als sie dann doch erneut schwanger war, suchte sie verzweifelt nach einem Weg, es anders zu machen. Sie las über Hypnobirthing, fand aber keinen Kurs in der Nähe. Also baute sie sich selbst ein einziges Audio mit einer Entspannungstechnik und ein paar Affirmationen. Dieses Mini-Werkzeug reichte aus, um eine völlig andere Geburtserfahrung zu machen. Schmerzfrei. Im Flow. Selbstbestimmt.

Diese Erfahrung hat sie so bewegt, dass sie ihre psychologische Ausbildung um Hypnose und spezielle Geburtshypnose erweitert hat. Sie machte auch die offizielle Hypnobirthing-Ausbildung. Doch je tiefer sie sich damit auseinandersetzte, desto klarer wurde: Dieses Konzept allein konnte sie als Psychologin nicht weitergeben. Es gab Punkte, die sie mit ihrem psychologischen Wissen nicht vereinbaren konnte. So entstand Birth and Balance, ihr eigenes Konzept, das genau diese Lücken füllt.

Warum „schmerzfrei“ kein gutes Leitbild ist

Im klassischen Hypnobirthing-Buch von Marie Mongan steckt viel wertvolles Wissen. Trotzdem berichten viele Frauen nach Hypnobirthing-Kursen von Versagensgefühlen. Der Grund: Durch die angeleiteten Hypnosen und die Sprache im Kurs entsteht ein sehr konkretes Bild von Geburt. Tief entspannt. Leise. Schmerzfrei.

Die Realität sieht anders aus. Geburten sind so unterschiedlich wie die Frauen, die gebären. Eine gute Geburt muss nicht leise sein. Sie kann ur-gewaltig sein, inbrünstig, laut. Und genau so kraftvoll erlebt werden. Wenn sich aber das Bild von „leise und schmerzfrei“ im Kopf festsetzt und die eigene Geburt anders verläuft, kommt schnell ein Versagensgefühl. „Ich hab es nicht hingekriegt.“ Diese Gedanken können dazu führen, dass eine an sich gute Geburt im Nachhinein als unglücklich erinnert wird.

Das Motto von Birth and Balance heißt deshalb: Geburt ist bunt. Es gibt kein falsches Gebären. Und Studien zeigen sogar: Auch eine Geburt mit starken Schmerzen kann total glücklich sein. Schmerzfreiheit ist nicht das, was eine Geburt zu einer guten Geburt macht.

Symbolische Darstellung der Verbindung von Kopf und Körper bei der Geburtsvorbereitung

Wie Schmerz im Gehirn entsteht

Schmerz fühlt sich wie etwas Körperliches an. Tatsächlich entsteht er aber zu großen Teilen im Kopf. Der Schmerz beginnt zwar an einer bestimmten Stelle, zum Beispiel in der Gebärmutter durch das Kontrahieren oder durch die Dehnung des Geburtskanals. An sich ist das aber erstmal nur ein elektrischer Impuls, der ins Gehirn weitergeleitet wird.

Erst im Gehirn wird daraus ein Schmerzempfinden. Dafür gibt es viele Areale, die zusammenarbeiten. Sie ziehen all das mit ein, was du gerade denkst, was du erwartest, was dir andere Menschen einreden, was du als Bild im Kopf trägst. Aus dieser Mischung entscheidet dein Gehirn, ob du nur einen Druck spürst, eine starke Empfindung, oder ein scharfes Schmerzerleben.

Konkret heißt das: Wenn jemand neben dir sagt „Jetzt wird es gleich noch viel schlimmer, gleich rufen Sie nach der PDA“, dann landet diese Aussage in deinem Gehirn, wird mit verarbeitet und beeinflusst, wie du die nächste Welle erlebst. Das ist keine Esoterik, das ist Schmerzforschung. Steffi sagt dazu einen Satz, der bei mir nachhallt: Du kannst starke Schmerzen haben, ohne zu leiden. Und du kannst geringe Schmerzen haben und ganz stark leiden.

Was das für deine Geburt bedeutet

Du hast Einfluss auf dein Schmerzempfinden. Nicht totale Kontrolle, aber echten Einfluss. Über deine Gedanken. Über das, was du in deinen Kopf lässt. Über die Menschen, die du um dich herum hast. Bei meiner zweiten Geburt hatte ich immer den Satz im Kopf: „Es liegt in mir, ob ich das als Schmerz empfinde.“ Ich hatte starke Empfindungen, das schon. Aber Schmerz im klassischen Sinne war es nicht.

Was wirklich über eine glückliche Geburt entscheidet

Studien zeigen klar: Schmerz ist nicht unter den Top 3 oder Top 4 Faktoren für eine glückliche Geburtserfahrung. Der wichtigste Faktor ist ein anderer. Es ist Selbstbestimmung. Wie selbstbestimmt die Frau unter der Geburt agieren kann, entscheidet maßgeblich darüber, wie sie diese Geburt im Nachhinein bewertet.

Selbstbestimmt sein heißt aber nicht „ich entscheide spontan, was ich brauche“. Selbstbestimmt sein heißt: Du weißt, was passiert. Du verstehst, was dein Körper macht. Du kannst Vorschläge des medizinischen Personals einordnen. Du kannst Nein sagen, wenn etwas nicht stimmig für dich ist. Und du kannst Ja sagen, weil du verstehst, warum es jetzt richtig ist.

Genau hier scheitern viele potenziell gute Geburten. Frauen gehen mit der Haltung in den Kreißsaal: „Die Hebamme wird das schon richten.“ Auch ich habe meine erste Geburt mit dieser Annahme angefangen. Bis meine Hebamme zu mir sagte: „Sarah, ich kann das Kind nicht aus dir rausholen.“ In dem Moment ging mir ein Licht auf. Egal wie kompetent das Personal ist, die Geburt ist Arbeit von dir und deinem Baby. Niemand sonst kann das übernehmen.

Wissen schafft Sicherheit

Deshalb ist Wissen ein zentraler Pfeiler von Birth and Balance. Nicht nur eine Methode lernen, sondern verstehen, warum sie funktioniert. Steffi vergleicht das mit Werkzeugen: Wenn du nicht weißt, wofür ein Werkzeug gemacht ist, kannst du es auch nicht richtig einsetzen. Wenn du verstehst, was unter der Geburt physiologisch passiert und warum dein Beckenboden sich öffnen muss, kannst du dem deinem Körper bewusst folgen, statt gegen ihn zu arbeiten.

Sanfte Wellen als Symbol für Atmung und Loslassen unter der Geburt

Die größten Blockaden vor der Geburt

Was hindert eigentlich Frauen daran, entspannt in die Geburt zu gehen? Steffi nennt zwei große Felder.

1. Bilder aus den Medien

Wie wird Geburt in Filmen und Serien gezeigt? Notaufnahme, Frau wird reingerollt, viele weißbekittelte Menschen rundherum, Frau auf dem Rücken, presst alles zusammen, schreit. Adern am Platzen. Diese Bilder prägen unsere Vorstellung von Geburt, lange bevor wir selbst schwanger sind. Sie machen Angst. Sie schaffen kein Vertrauen in den eigenen Körper.

2. Eigene oder fremde Erfahrungen

Was hat dir deine Mama über deine Geburt erzählt? Was erzählen Freundinnen? Steffi selbst hatte eine sehr konkrete Angst: Sie dachte, ihr Baby würde nicht durch ihr Becken passen, alles würde malträtiert. Bei mir war es ähnlich. Diese Bilder im Kopf wirken direkt unter der Geburt mit.

Auch frühere eigene Geburtserfahrungen sind ein Faktor, der oft unterschätzt wird. Du musst keine posttraumatische Belastungsstörung haben, damit eine belastende Geburt Spuren hinterlässt. Wenn du diese Spuren wegpackst, bleibt dein Körper trotzdem in Alarmbereitschaft. Sobald etwas Ähnliches passiert, kommt das alles wieder hoch. Deshalb lohnt es sich, sich vor einer weiteren Geburt mit der ersten Erfahrung auseinanderzusetzen. Ich habe das bei Steffi in Form einer Hypnose-Sitzung gemacht. Da wurde mir erst klar, wie sehr meine erste Geburt mich doch belastet hatte.

3. Vertrauen statt Angstmacherei

Steffi geht in der Ausbildung viel auf die anatomischen Tatsachen ein. Ja, wir Menschen haben durch den aufrechten Gang ein engeres Becken als andere Säugetiere. Aber die Natur hat sich Lösungen einfallen lassen: Der Schädel des Babys ist beweglich, die Knochenplatten schieben sich zusammen. Das Becken der Frau wird weich, Symphyse und Beckenschaufeln geben nach. Wenn du diese Tricks kennst, gehst du mit ganz anderem Vertrauen in die Geburt.

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Vorbereitet sein für Abweichungen

Eine ehrliche Geburtsvorbereitung bedeutet auch: Du bereitest dich darauf vor, dass nicht alles nach Plan läuft. Steffi gehört zu den 4 Prozent der Frauen, bei denen das Baby anatomisch tatsächlich nicht durch das Becken passt. Bei ihrer zweiten Geburt erlebte sie also bewusst: Es gibt einen Punkt, an dem die natürliche Geburt nicht weitergeht. Und sie hatte sich vorbereitet auf diesen Fall.

Statt zu kämpfen, hat sie ihrem Körper vertraut. Hat dem Anästhesisten freundlich, aber bestimmt gesagt, dass sie wisse, was er erkläre und dass sie jetzt unterschreibe, damit es weitergehen kann. Auf dem OP-Tisch lag sie zufrieden. Nicht enttäuscht. Sie hatte alles erlebt, was in ihrer anatomischen Situation möglich war. Und war dankbar für die Medizin, die sie und ihr Baby gut versorgte.

Das ist der Unterschied zu einer Geburtsvorbereitung, die nur ein Idealbild kennt. Wenn du dich auch auf Plan B vorbereitest, kommst du bei einer Abweichung nicht in Schuldgefühle und Versagensgedanken. Du kannst auch einen ungeplanten Kaiserschnitt als positive Erfahrung erleben, weil du verstehst, warum er jetzt der richtige Weg ist.

Mut zur natürlichen Geburt

Gleichzeitig macht Steffi Mut: Nur etwa 4 Prozent der Frauen haben wirklich ein anatomisches Missverhältnis. Viele Frauen bekommen vor der Geburt gesagt, ihr Kind passe nicht oder sei zu groß. Doch Geburtsgewichte werden oft falsch geschätzt, und entscheidend ist nicht das Kilogewicht, sondern der Kopfumfang. Ich selbst hatte zwei vaginale Geburten mit Babys von je 3.840 Gramm, obwohl ich eher schmal gebaut bin. Lass dich von Schätzungen nicht entmutigen.

Fazit: Geburt beginnt im Kopf

Geburtsvorbereitung aus psychologischer Sicht heißt: Du arbeitest an deinen Gedanken, an deinem Wissen, an deinen alten Erfahrungen. Du baust dir einen Werkzeugkasten, der dir hilft, unter der Geburt selbstbestimmt zu sein. Egal, wie sich diese Geburt am Ende entfaltet.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Gespräch:

  • Schmerzfreiheit ist kein gutes Leitbild für die Geburt. Geburt ist bunt, und auch eine Geburt mit Schmerzen kann glücklich sein.
  • Schmerz entsteht im Gehirn. Deine Gedanken, Erwartungen und dein Umfeld beeinflussen, wie stark du etwas als Schmerz empfindest.
  • Selbstbestimmung ist der wichtigste Faktor für eine glückliche Geburtserfahrung. Selbstbestimmung braucht Wissen.
  • Alte Geburtserfahrungen und Medienbilder sind die häufigsten Blockaden. Du darfst sie bewusst anschauen und auflösen.
  • Vorbereitet sein für Abweichungen schützt dich vor Versagensgefühlen, falls die Geburt anders verläuft als geplant.

Und vielleicht das Wichtigste: Du darfst dir Zeit nehmen für diese Vorbereitung. Dein Kopf gebärt mit. Wenn du ihn an Bord hast, hast du den entscheidenden Verbündeten an deiner Seite.

FAQ zur psychologischen Geburtsvorbereitung

Wann sollte ich mit der psychologischen Geburtsvorbereitung anfangen?

Je früher, desto besser. Ideal ist es, im zweiten Trimester zu starten, damit du noch genug Zeit hast, alte Erfahrungen zu reflektieren und Techniken regelmäßig zu üben. Falls du erst spät davon erfährst, ist es aber auch in den letzten Wochen noch sinnvoll. Selbst ein paar Wochen bewusster Vorbereitung machen einen Unterschied.

Ist Birth and Balance dasselbe wie Hypnobirthing?

Nein. Birth and Balance baut auf hypnotischen Techniken auf, geht aber bewusst über Hypnobirthing hinaus. Es vermittelt zusätzlich tiefes psychologisches Wissen, arbeitet realistisch mit dem Thema Schmerz und bereitet auch auf Abweichungen vom natürlichen Geburtsverlauf vor.

Funktioniert das auch, wenn ich überhaupt nicht spirituell bin?

Ja. Birth and Balance ist auch für Kopf-Menschen gemacht. Es geht weniger um Affirmationen und Mantras, sondern um konkretes Verstehen: Was passiert im Körper, was passiert im Gehirn, welche Werkzeuge habe ich zur Hand. Genau das hat mir persönlich geholfen, weil ich auch nicht zu den spirituellen Typen gehöre.

Was kann ich tun, wenn mich meine erste Geburt belastet?

Sprich es aus, am besten mit jemandem, der dafür ausgebildet ist. Eine belastende Geburt hinterlässt Spuren, auch wenn du nicht offiziell traumatisiert bist. Eine einzelne Hypnose-Sitzung oder Therapie-Sitzung kann viel bewegen. Pack es nicht weg, sondern schau es bewusst an, bevor du in die nächste Geburt gehst.

Was mache ich, wenn andere mir unter der Geburt negative Sätze sagen?

Du darfst dich abgrenzen. Sag deinem Geburtsteam vorher, was du hören willst und was nicht. Schreib es im Geburtsplan auf. Wenn unter der Geburt jemand etwas Beunruhigendes sagt, darf dein Partner oder deine Doula einschreiten. Du musst nicht alles aushalten, was an dich herangetragen wird.

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